Erinnerungskultur

Die Menschenrechte in ihrer historisch-gesellschaftlichen Entwicklung – ein Auslaufmodell? 

 

Im Rahmen des Projektkurses der Jahrgangsstufe 12 setzen sich die Schüler und Schülerinnen seit Beginn des Schuljahres mit folgender übergreifender Fragestellung auseinander: Die Menschenrechte in ihrer historisch-gesellschaftlichen Entwicklung – ein Auslaufmodell?  Ziel des Kurses ist eine intensive Beschäftigung mit geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen, bei denen Menschenrechte eine Rolle spielen, wo ggf. Menschenrechte gebrochen werden/wurden. die in einem Produkt dokumentiert, zusammengefasst und präsentiert werden soll.

 

Ende April besuchte der Professor für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht sowie empirische Rechtsforschung der Universität Münster Niels Petersen die Schüler und Schülerinnen in Olfen. Im Rahmen der Expertenbefragung hat die Lerngruppe direkt vom Fachmann authentische Informationen zum Thema Menschenrechte erhalten.

 

Professor Petersen referierte zunächst über die Allgemeingültigkeit von Menschenrechten und berichtete anschließend über Mechanismen zur Durchsetzbarkeit dieser.

 

Im Anschluss hatten die Schüler und Schülerinnen des Kurses die Möglichkeit, im Plenum Fragen zu stellen, die Professor Petersen in offener Runde beantwortete. In kleinen Gruppengesprächen konnten die Projektkursteilnehmer und –teilnehmerinnen  konkrete Hilfestellungen für die individuellen Projekte bekommen.

 

Nie wieder Krieg – Spurensuche in Frankreich

Das Ende des Ersten Weltkrieges, des Grande Guerre mondiale, wie er in Frankreich genannt wird, jährt sich in diesem Jahr zum einhundertsten Mal – ein Anlass für eine Gruppe Schüler und Schülerinnen der Jahrgänge Q1 und Q2, sich auf die Spuren dieses tragischen Ereignisses zu machen und einige seiner ergreifenden Schauplätze zu besuchen.

Die Schulfahrt nimmt ihren Ausgang in Arras, einer Stadt im Norden Frankreichs, die traurige Bekanntheit durch die Tatsache erlangte, dass hier die Frontlinie der Westfront im Ersten Weltkrieg die Region quasi teilte. Nicht nur Franzosen, Engländer und Deutsche standen sich hier gegenüber. Auch Kanadier, Neufundländer, Pakistani und Inder sind unter den Toten der Schlachten um Arras zu verzeichnen.

Nach einer Begrüßung im historischen Rathaus von Arras beginnt die Spurensuche in den sogenannten Wellington-Tunneln, einem kilometerlangen System von Schächten und Höhlen, in denen sich im Jahr 1917 ca. 20.000 englische Soldaten versteckten, um bei einer großen Offensive im März direkt vor den feindlichen Linien die gegnerischen Soldaten zu überraschen. Die Tunnel beeindrucken, dokumentieren sie doch eindringlich den Alltag und das Schicksal der meist jungen Soldaten, die bei der Offensive massenhaft in ihren Tod geschickt wurden.

Weiter führt die Exkursion auf den Hügel von Vimy, eine ehemalige Gefechtsstellung kanadischer Divisionen – Kanada kämpfte als Mitglied des Commonwealth an der Seite des britischen Empire. Die 1917 unter schweren Verlusten von den Kanadiern eingenommene Anhöhe ist heute ein von Kanada verwalteter historischer Lernort, der mit dem  Ziel konzipiert wurde, die Front sowie die Fronterfahrungen der hier stationierten Soldaten möglichst realistisch darzustellen. Hierzu wurden Schützengräben und Versorgungstunnel historisch restauriert und das Gebiet weiträumig in seinem Zustand von 1918 belassen – Granat- und Bombenkrater eingeschlossen. Der Besuch des großen Mahnmals bildet den Abschluss des Besuches.

Nach der Besichtigung eines deutschen Soldatenfriedhofs, auf dem fast 45.000 identifizierte Tote begraben sind, besucht die Gruppe das vielleicht eindrucksvollste Mahnmal gegen Krieg und Gewalt, den „Ring der Erinnerung“ (L’anneau de la memoire). Auf kaum zählbaren bronzenen Tafeln sind hier die Namen von fast 700.000 gestorbenen Soldaten aufgelistet, die in der Region um Arras im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Das Besondere an diesem Mahnmal: Hier stehen die individuellen Schicksale der Soldaten im Vordergrund, ganz gleich, welcher Nationalität sie angehörten – alle sind hier ohne Rücksicht auf ihre Herkunft verzeichnet. Um ein Zeichen gegen Krieg und Gewalt zu setzen, legen die Schüler einen Kranz nieder.

Eine letzte Gedenkstätte, die allerdings nicht den Ersten, sondern den Zweiten Weltkrieg thematisiert, sollte kein interessierter Besucher der Stadt Arras verpassen: Die „Mauer der Erschossenen“ (Le mur des fusillés) dokumentiert eindrucksvoll das grausame Vorgehen der Nationalsozialisten zur Zeit der Besetzung Frankreichs. Hier wurden 218 Widerstandskämpfer in den Jahren 1941 bis 1944 erschossen. An diesen Dissidenten (meist Streikführer, der Jüngste nur 16 Jahre alt) sollte ein Exempel statuiert werden, um den Widerstand in der Region Arras zu brechen. Ergriffen verfolgen die Schüler und Schülerinnen den letzten Weg dieser Opfer des Nationalsozialismus.

Nach dem Besuch der Mauer verlässt die Gruppe mit vielen neuen Eindrücken, die zum Nachdenken anregen, die Stadt Arras und macht sich auf den Weg zurück nach Olfen. Es wird sicherlich noch Vieles zu bereden und diskutieren geben im Unterricht der nächsten Wochen.

 

"Zweitzeugen an der Wolfhelmschule"

Viele Jahre hat es an der Wolfhelm-Gesamtschule eine Holocaust-Gedenkfeier gegeben. Heute endet die erste Gedenkwoche mit verschiedenen Projekten in mehreren Jahrgangsstufen. Es soll erst der Anfang sein.

Lehrer Tobias Horstmann, an der Schule verantwortlich für den Bereich „Erinnerungskultur“, denkt bereits daran, Schüler zur „richtigen Zweitzeugen“ ausbilden zu lassen. Und auch eine Fahrt zu einem Konzentrationslager würde er gerne anbieten. Die Unterstützung seiner Schulleitung dürfte ihm sicher sein. Anne Jung lobte gestern die Gedenkwoche als ein „ganz wichtiges Projekt“. Sie erinnerte an die imponierende Rede der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch im Deutschen Bundestag. „Sie hat den Hass überwunden.“

Aus Sicht von Anne Jung ist es wichtig, die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte wach zu halten. Ebenso wichtig sei es heute, aufzustehen und den Rechten Paroli zu bieten. Deshalb dankte sie der Sparkasse, dass sie die Aktionswoche finanziell unterstützt hat. Der Olfener Filialdirektor Michael Gerken betonte in seiner Rede, wie wichtig es sei, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Die Schüler eines Geschichtskurses aus der Jahrgangsstufe EF muss er nicht mehr überzeugen.

Übereinstimmend betonen die Schülerinnen und Schüler, wie wichtig aus ihrer Sicht das Gedenken ist. Intensiv haben sie sich an diesem Morgen mit der Biografie von KZ-Überlebenden beschäftigt, haben viel gelesen und große Plakate gestaltet. Auf unsere Nachfrage betonen sie, dass sie die Daten und Fakten der schlimmen Zeit weitertragen wollen. „Sonst droht es in Vergessenheit zu geraten.“ Und genau das wollen die Jugendlichen nicht.

 „Der Abiturjahrgang hat sich den Film Schindlers Liste angesehen und darüber gesprochen. Die Jahrgangsstufe 9 mit den Biografien von Menschen beschäftigt, die in Lüdinghausen gewohnt haben und deportiert wurden“, berichtet Tobias Horstmann von weiteren „kleineren Projekten in verschiedenen Klassen“ in der Gedenkwoche. Er wünscht sich, dass das Projekt in den nächsten Jahren weiter wächst.

Dazu beitragen könnte auch eine besondere Aktion. Am heutigen Freitag starten Schüler der Jahrgangsstufe 12 zu einer besonderen Exkursion nach Frankreich. Sie setzen sich dabei intensiv mit dem Ersten Weltkrieg auseinander. „Wir besuchen auch einige Gedenkstätten“, sagt Tobias Horstmann.

Der Lehrer blickt bereits weiter nach vorne. Er hofft, dass die dreitägige Fortbildung zum Zweitzeugen im nächsten Schuljahr großen Anklang an der Schule findet. „Dann können unsere eigenen Zweitzeitzeugen die jüngeren Schüler informieren und für das Thema weiter sensibilisieren.“

 

Von Thomas Aschwer

Frau Bildheim und Herrn Horstmann (Projektleitung), Herr Gerken (Sparkasse Westmünsterland)
Frau Bildheim und Herrn Horstmann (Projektleitung), Herr Gerken (Sparkasse Westmünsterland)